© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 29/20 / 10. Juli 2020

Immer genau hinsehen
Firmenpleiten: Wirecard gesellt sich zu Namen wie Worldcom, Madoff, Flowtex, P+R oder Wölbern Invest / Vorsicht bei toller Inszenierung
Martin Krüger

Das von Wirecard ausgerufene Ziel des „geldlosen Zahlungsverkehrs“ entbehrt aktuell nicht einer gewissen Ironie. Traurige Wirklichkeit ist jetzt die Tatsache der „Geldlosen“ in Aschheim bei München. Falls überhaupt existent, sind dort derzeit rund 1,9 Milliarden Euro unauffindbar – und das wohl nicht erst seit 2019. Damit reiht sich Wirecard in die Liste unrühmlicher Firmenkatastrophen ein. Und eine Börsenplazierung ist ebensowenig eine hinreichende Investitionsempfehlung wie exorbitante Strafen bei Anlagebetrug.

International ist die Liste der untergegangen Firmen mit einst großen Namen und dann großen Verlusten lang: Exemplarisch ist der US-Energieversorger Enron – Pleite 2001 und im Nachlaß etwa 40 Milliarden Dollar Schulden (JF 27/20). Die US-Telefongesellschaft Worldcom schaffte es, aus Schulden Investitionen zu machen und den Scheingewinn um 3,9 Milliarden Dollar aufzublähen – 2002 kam die Insolvenz, 2005 wurde der kanadische Firmenchef Bernard Ebbers wegen Verschwörung und Wertpapierbetrugs (Schadenssumme: elf Milliarden Dollar) zu 25 Jahre Haft verurteilt. Ein Berufungsgericht bestätigte 2006 das Urteil – Ebbers saß bis Ende 2019 im Bundesgefängnis Oak­dale (Louisiana). Am 2. Februar 2020 starb er todkrank 78jährig in seinem Haus in Brookhaven (Mississippi).

Der 82jährige Bernie Madoff sitzt weiter im Bundesgefängnis Butner (North­ Carolina) – trotz Nierenkrankheit wurde der 2009 zu 150 Jahren Höchststrafe verurteilte Anlagebetrüger nur ins Haftkrankenhaus verlegt. Mit seinem „Investment Securities“-Schneeballsystem hinterließ der New Yorker 4.800 Geschädigte, die 64,8 Milliarden Dollar bei Madoff sicher glaubten.

In Deutschland wären Ebbers oder Madoff mit lächerlichen Strafen davongekommen – das zeigt der Fall Manfred Schmider. Seine badische Firma Flowtex verkaufte 3.142 millionenteure Horizontalbohrmaschinen, von denen aber nur 270 existierten. Der zwischen 1994 und 1999 entstandene Schaden betrug fast 4,2 Milliarden D-Mark, wofür Schmider zu elf Jahren und sechs Monaten verurteilt wurde – und nach zwei Dritteln der Strafe die Freiheit genoß. In der Schweiz bekam „Big Manni“ allerdings 2018 wegen Geldwäsche und Urkundenfälschung noch 18 Monate „Nachschlag“. Den 1995 gegründeten Windparkbetreiber Prokon gibt es – wie die Energiewende – noch immer. Nur aus der GmbH ist eine Energiegenossenschaft geworden. Die 2014 angemeldete GmbH-Insolvenz brachte allerdings Tausende „grüne“ Anleger um einen Großteil ihrer Genußrechte (JF 6/14). Wer allerdings neuer Prokon-Energiegenosse wurde, konnte seine Verluste begrenzen.

„Unschuldigen Menschen hohe Verluste zugefügt“

Der Möbelkonzern Steinhoff mußte am 5. Dezember 2017 einräumen, daß es „Unregelmäßigkeiten“ in der Bilanz gebe. Firmenchef Markus Jooste verschwand nach einer E-Mail, in der er zugab, „ein paar große Fehler begangen zu haben und vielen unschuldigen Menschen finanzielle Verluste zugefügt“ zu haben. Er müsse „weiterziehen“. Seitdem gilt der heute 59jährige Südafrikaner als abgetaucht. Bis kurz vor Heiligabend hatte die Aktie dann 90 Prozent ihres Börsenkurses verloren. 2018 übernahmen österreichische Investoren Firmenteile.

Die P+R-Gruppe setzte auf Direktanlagen in Containern. Rückblickend wird das „Geschäftsmodell“ seit dem Jahr 2007 als Schneeballsystem eingeschätzt. Die deutschen Gesellschaften sind seit dem Jahr 2018 insolvent. Der Insolvenzverwalter mußte in die Münchner Olympiahalle einladen, um die Anleger zu informieren, daß von 1,6 Millionen Containern, die an etwa 54.000 Anleger verkauft worden waren, in Wirklichkeit nur 618.000 Objekte vorhanden sind. Bei der Hamburger Wölbern Invest verloren 40.000 Fondsanleger zwischen 2011 und 2013 rund 115 Millionen Euro. Der verantwortliche Unternehmer, der frühere Medizinprofessor und Biotech-Investor Heinrich Maria Schulte, wurde zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Gericht befand ihn der gewerbsmäßigen Untreue in 327 Fällen mit einem Betrag von 147 Millionen Euro für schuldig. Davon waren damals 115 Millionen Euro komplett verschwunden, weitere Millionen wurden für eine Villa, eine Jacht und Reisen verausgabt.

Auffällig sind oft die Gemeinsamkeiten dieser Pleitefirmen: ein hoher Verschuldungsgrad, Chefs, die in hohem Maße mit eigenen Aktien belohnt werden, und merkwürdige Bewegungen im Zahlenwerk der Unternehmen. Häufig sind es gerade die ganz großen Zahlen, die man nicht mehr zu hinterfragen wagt oder auch wenig greifbare Produkte. Der Zuschnitt auf Gallionsfiguren ist keine Seltenheit. Schillernde Personen und eine tolle Inszenierung beeindrucken. Häufig wird so der Sehnsuchtsort des Anlegers, die nächsten Höchstkurse oder die Traumrendite, durch einen visionären Habitus an den unendlich wirkenden Horizont gemalt.

Staatsanwälte und Gerichte gegen pfiffige Leerverkäufer

Die Rede vom „Paradigmenwechsel“ gehört genauso dazu wie das „Think big“-Gerede: „Diesmal ist alles anders“. Wirecard unterdrückte systematisch kritische Stimmen. Hinzu kommen eine übergroße Loyalität und eine Gläubigkeit gegenüber dem Chef, die bis zur Ergebenheit beim Management führen können. Wenn es dann am Einspruch eines kompetenten Aufsichtsrates fehlt, kann ein Hang zum Größenwahn auf ein Lügenkarussell führen, von dem abzusteigen immer schwerer fällt. Gefeit vor ausgeklügeltem Betrug ist keiner. Kritisches Hinschauen und Hinterfragen ist immer der erste und wichtigste Schritt.

Professionelle Investoren sehen besonders genau hin. Der Brite Fraser Perring vom Analysehaus Zatarra, der auch vor dem Steinhoff-Skandal warnte, hatte schon im Jahr 2016 kriminelle Machenschaften bei Wirecard angesprochen. Doch die Staatsanwaltschaft München schaute nicht beim heimischen Dax-Star genauer hin, sondern bei den gierigen Leerverkäufern (JF 28/19). Und Perring mußte für seine Verfahrungseinstellung „einen niedrigen fünfstelligen Euro-Betrag an gemeinnützige Einrichtungen zahlen“, wie Boerse-online.de einen Monat vor der Wirecard-Pleite vermeldete.

Shortseller wie Perring versuchen an fallenden Kursen zu verdienen. Sie identifizieren ihre Leerverkaufskandidaten über akribische Recherchen. Im kostenfrei zugänglichen Bundesanzeiger werden die Netto-Leerverkaufspositionen börsentäglich publiziert. Das ist neben den anderen Kriterien eine gute Möglichkeit zu wissen, was gespielt wird.

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